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Nora Krug | Illustratorin

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Nora Krug ist freischaffende Illustratorin und Professorin für Illustration an der Parsons School of Design. Im Jahr 2002 ist die gebürtige Baden-Württembergerin zum ersten Mal nach New York gezogen. Damals hat sie ein Illustrations-Studium an der renommierten School of Visual Arts absolviert. Im Anschluss an das Studium ist sie nach Deutschland zurückgekehrt und hat den Ruf auf eine Professur an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel erhalten. Zwei Jahre später hat Nora dann erneut ihre Koffer gepackt und ist zurück nach New York gezogen – dieses Mal um zu bleiben. Inzwischen lebt sie mit ihrem Mann und ihrer einjährigen Tochter in Brooklyn. Ihre Arbeiten erscheinen in der New York Times und anderen internationalen Medien und wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Mehr über Nora Krug und ihre Arbeit könnt ihr auf ihrer Webseite erfahren: www.nora-krug.com.

Für dein Studium bist du das erste Mal nach New York gezogen. Was hat dich damals an dem Studium und insbesondere an der Stadt gereizt?

Illustration wird an deutschen Hochschulen als Fachbereich meistens dem Kommunikationsdesign zugeteilt und existiert daher nicht als eigenständiger Studiengang. Das ist in den USA ganz anders. Hier gibt es sogar Studiengänge, die sich spezialisierten Fachgebieten, etwa der medizinischen Illustration widmen. Jedes Jahr wird der Illustrationsmarkt hier von hunderten neuen, jungen, begabten Illustratoren bereichert. Zudem wird Illustration in der amerikanischen Gesellschaft stärker als politisches Kommunikationsmittel geschätzt und ernster genommen. In der New York Times werden Graphic Novels beispielsweise als belletristische Werke rezensiert. In Deutschland verbindet man die Illustration immer noch hauptsächlich mit dem klassischen Kinderbuch. Ich kam also ursprünglich nach New York, um mich voll und ganz der Illustration zu widmen und im Master-Studiengang „Illustration as a Visual Essay“ an der School of Visual Arts zu studieren.

Im Anschluss bist du wieder nach Deutschland gezogen – allerdings nur für kurze Zeit. War für dich klar, dass du irgendwann nach New York zurückkehren würdest?

Ich wäre damals gerne in New York geblieben, hatte aber ein Visum, das an die sogenannte „Two Year Home Residency Rule“ gebunden war. Als ich wusste, dass ich wieder nach Deutschland gehen würde, bewarb ich mich für eine Professur an der Muthesius Kunsthochschule in Kiel und bekam die Stelle. Während dieser Zeit habe ich wertvolle Erfahrung in der Lehre gesammelt. Nach genau zwei Jahren wurde dann eine Professur für Illustration an der Parsons School of Design ausgeschrieben und ich entschloss mich, mein ur-deutsches Bedürfnis nach Sicherheit (also einer Stelle als Beamtin) beiseite zu schieben und diese Chance zu ergreifen – das habe ich seither nicht bereut. Ohne meine Erfahrungen in Kiel hätte ich die Stelle in New York wahrscheinlich nicht bekommen und ohne eine ähnliche Stelle wäre ich nicht nach New York zurückgezogen.

Als Illustratorin hast du schon für viele verschiedenen Zeitungen und Magazine gearbeitet – unter anderem für die New York Times. Wie sieht ein typischer Arbeitstag als Illustratorin bei einer der bekanntesten Tageszeitungen der Welt aus?

Als Illustratorin arbeite ich freischaffend für die New York Times und andere Zeitungen und Magazine. Meine Illustrationen werden auf der sogenannten Op-Ed Page (Open Editorial) veröffentlicht, auf der meinungsstarke Kommentare von Kolumnisten gedruckt werden. Da die New York Times eine Tageszeitung ist und sich die Op-Ed Page aktuellen politischen Themen widmet, muss die Illustration innerhalb eines einzigen Tages fertiggestellt werden. Ein typischer Auftrag beginnt damit, dass mich der Art Director gegen 11 Uhr anruft und das zu bearbeitende Thema kurz umreißt. Anschließend wird mir der betreffende – und meist noch nicht ganz fertige – Artikel zugesendet. In den nächsten ein bis zwei Stunden erarbeite ich drei möglichst unterschiedliche Skizzen, die die Hauptinhalte oder Konflikte des Artikels widerspiegeln. Der Redakteur sucht dann in Absprache mit dem Art Director die Idee aus, die ihm am treffendsten erscheint. Welche Idee das ist, erfahre ich gegen 14 Uhr. Passt keine der Ideen, fertige ich neue Skizzen an. Wenn die Idee steht, verbringe ich den Rest der Zeit mit der Umsetzung der Skizze. Die fertige Illustration muss ich dem Art Director bis etwa 17 Uhr per Email zuschicken, damit sie platziert und die Seite für den Druck vorbereitet werden kann.

Gibt es Besonderheiten, die Illustratoren beachten müssen, wenn sie für ein Medium wie die New York Times arbeiten?

Die New York Times erreicht Millionen von Lesern mit den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen. Entsprechend vorsichtig sind die Redakteure bei Illustrationen, durch die sich jemand beleidigt fühlen könnte. In der täglichen Praxis kann es dann schon mal passieren, dass eine Skizze revidiert werden muss, weil der darauf dargestellte Baseballschläger möglicherweise als Phallus-Symbol interpretiert werden könnte. Auch Portraits bekannter Persönlichkeiten sind nicht erwünscht. Ein Beispiel: Einmal sollte ich eine Zeichnung des Papstes anfertigen, jedoch ohne sein Gesicht zu zeigen, da die Sorge vor einer beleidigenden Parodie zu groß war. Die Macht des Bildes ist hier allgegenwärtig. Man kann diese Ansprüche aber auch als Herausforderung verstehen, Themen auf subtilere Art und Weise zu interpretieren, was die Zeichnung zumeist interessanter und poetischer macht.

Gemeinsam mit einer Freundin hast du außerdem ein Kinderbuch veröffentlicht. Wie kam es dazu und worum geht es dabei?

Das Buch heißt „My Cold Went on Vacation“. Der Protagonist ist eine Erkältung, die von Person zu Person und von Land zu Land reist und Menschen zum Niesen und Husten bringt. Eine spielerische Idee, auf die ich an einem Nachmittag, an dem ich selbst erkältet war, mit einer Freundin kam. Meine Freundin schrieb dann die Geschichte, und meine damalige Illustrationsagentin verkaufte sie an Penguin Putnam. Das war ein sehr unkompliziertes Projekt, das viel Spaß gemacht hat und das hoffentlich einem kränklichen Kind helfen kann, ein paar unangenehme Tage leichter zu ertragen.

Wo liegt dein thematischer Fokus bei der Illustration?

nora_krug3-2Ich habe früher im Dokumentarfilmbereich gearbeitet und vor einigen Jahren damit begonnen, mein Interesse an Illustration und Non-Fiction zu verbinden. Das Thema Krieg ist dabei mein Hauptfokus. Ich interessiere mich dafür, wie Krieg Individuen beeinflusst, die weder „Helden“ noch Kriegsverbrecher sind, und wie Krieg das menschliche Bewusstsein über Generationen formt. Ich finde, dass die Medien viel zu wenig über diese „banalen“ Kriegsgeschichten erzählen, die sich eher den Graustufen der Kriegserfahrung widmen.

Hast du Beispiele für solche „banalen“ Kriegsgeschichten, die du visuell erzählst?

nora_krug2-2Ein Beispiel ist die Geschichte „Kamikaze“. Dabei handelt es sich um die Biografie eines japanischen Kamikazefliegers, der den Krieg aufgrund des technischen Versagens seines Flugzeugs überlebte und heute als Pazifist in Japan lebt. Ein weiteres Beispiel ist „Noman’s Land“, eine Geschichte, die auf dem Leben eines amerikanischen Soldaten beruht, der während des Koreakriegs an der Nord-Süd-Grenze stationiert war. Er ist schließlich nach Nordkorea desertiert und war daraufhin gezwungen, 39 Jahre seines Lebens dort zu verbringen. Bei seiner Rückkehr in die USA wurde er als Deserteur vor den Militärgerichtshof gestellt.

An welchem Projekt arbeitest du aktuell?

Seit etwa fünf Jahren arbeite ich an einer ‚Visual Memoir‘ über meine Familiengeschichte und den Zweiten Weltkrieg. Das 270-Seiten lange, illustrierte und handgeschriebene Buch beschreibt meine individuelle Suche nach der Schuld oder der Unschuld meiner Großeltern und meines Onkels, die den Krieg erlebt haben, und nach meinem damit tief verwurzelten Verständnis der deutschen Identität. Als jemand, der in den 70er und 80er Jahren in Deutschland aufwuchs, war ich schon immer durch ein abstraktes Schuldbewusstsein paralysiert. Erst die Arbeit an diesem Buch machte mir bewusst, dass ich diese abstrakte Schuld nur überwinden kann, wenn ich mich den Geschichten, von denen meine eigene Familie geprägt ist, stelle. Das Buch erscheint 2018 in den USA bei Scribner. In Deutschland erscheint es bei Kanus, und dort auch als Jugendbuchausgabe.

Hast du das Gefühl, dass Deutschen in den USA auch heute noch eine Art Stigma anhaftet? Oder anders formuliert: Wird das bloße Deutsch-Sein noch immer mit dem Zweiten Weltkrieg und Nationalsozialismus in Verbindung gebracht?

Das kommt auf den jeweiligen Bundesstaat an. In Gebieten im Mittleren Westen, die von Deutschen um die Jahrhundertwende oder davor besiedelt wurden, wird die deutsche Kultur nach wie vor zelebriert, denn dort wurde der erste und zweite Weltkrieg, aus denen die Deutschen als Verlierer und Kriegsverbrecher hervorgingen, nicht aus erster Hand erlebt. Spricht man dort mit Deutschen, die kurz nach dem Krieg auswanderten, so trifft man schnell auf eine defensive Haltung, was die deutsche Kriegsschuld angeht. In Milwaukee habe ich einmal eine deutsche Veranstaltung besucht, bei der mir vom Polkatanzen und dem dort demonstrierten Nationalbewusstsein ganz schwindelig wurde. Als „echte Deutsche“ wurde ich dort wärmstens aufgenommen. In New York City hingegen, das Anlaufstelle für viele jüdische Flüchtlinge war, ist die Assoziation mit unserem Land eher negativ behaftet – auch heute noch. Auch in den amerikanischen Medien und der Unterhaltungsindustrie werden die alten Vorurteile noch immer gerne aufgegriffen. Die New York Times bezeichnete Deutschland – zusammengefasst aus mehreren vor kurzem veröffentlichten Artikeln – als „Ursprungsland der Schadenfreude“, als ein Land, das durch eine „von Regeln geleitete Kultur“, durch „rigide Prinzipien und Besserwisserei“ definiert ist, ein Land, in dem „‚verboten‘ oft das erste Wort ist, das von Besuchern eindrücklich wahrgenommen wird“. Das empfinde ich nicht nur als extrem kurzsichtig, sondern auch als sehr traurig.

Du besitzt inzwischen auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Fühlst du dich eher als Deutsche oder eher als Amerikanerin?

nora_krug1-2Beides. Ich würde Deutschland als meine Heimat, und New York als mein Zuhause bezeichnen. Vieles in Amerika ist mir auch nach 13 Jahren noch fremd und oft fühle ich mich bei Besuchen in Deutschland als Fremde. Wenn man lange Zeit im Ausland gelebt hat, hat man keine klar definierbare Identität mehr.

Dein Mann ist Amerikaner. Gemeinsam habt ihr eine einjährige Tochter. Wie wichtig ist es dir, dass sie deutsch lernt? Und was tust du für ihre Sprachentwicklung?

Das ist mir sehr wichtig. Sprache kommuniziert ja auch Kultur und ein starkes Zugehörigkeitsgefühl. Ich habe von Anfang an mit meiner Tochter Deutsch gesprochen, und wir verbringen so viel Zeit wie möglich in Deutschland. Wir haben zwei Babysitterinnen, eine davon ist Deutsche. Zudem lese ich ihr regelmäßig deutsche Kinderbücher vor und singe deutsche Lieder. Außerdem wollen wir unsere Tochter in Brooklyn auf eine deutsche Schule schicken.

New York gilt als die Stadt, in der alles möglich ist, in der du alles erreichen kannst, wenn du an dich glaubst – und hart dafür arbeitest. Was ist dran an dem Klischee?

Ich glaube, dass das schon wahr ist. In Amerika werden primär Ideen unterstützt, unabhängig davon, wie erfahren die Person ist, die die Idee hat, oder woher sie kommt. Man geht mit weniger Vorbehalten als in Deutschland auf neue Ideen zu. Was in Deutschland widersprüchlich erscheint, wird hier als einander bereichernd verstanden. Niederlagen gelten eher als Chancen, sich neu zu erfinden. Ich kenne viele Menschen hier, die sich als Immigranten erster Generation von unten hochgearbeitet haben und jetzt ein gutes Leben führen. Selbstverständlich bedeutet das nicht, dass es hier keine gesellschaftliche Ungerechtigkeit gibt. Entscheidungen werden natürlich immer von der reichen Schicht getroffen und eine solide Bildung und gute Krankenversicherung sind nur denen vergönnt, die Geld haben. Tragisch endet es dann für diejenigen, die unschuldig und ohne Rechtsbeistand im Gefängnis sitzen, während ein reicher Übeltäter sich oft von seiner Schuld freikaufen kann.

Du lebst in Lefferts Gardens, einer karibisch geprägten Nachbarschaft in Brooklyn, bei der die Gentrifizierung immer stärker sichtbar wird. Eine negative Entwicklung?

Gentrifizierung ist ein zweischneidiger Begriff. Natürlich ist es unethisch, dass die Preise am Wohnungsmarkt immer weiter in die Höhe getrieben werden und es immer mehr Menschen gibt, die sich ein menschenwürdiges Leben in New York nicht mehr leisten können. Eine staatliche Regulierung der erlaubten Erhöhung von Kauf- und Mietpreise wäre da sicherlich sinnvoll. Andererseits bedeutet Gentrifizierung in manchen Gegenden – wie in Lefferts Gardens – auch ein Gewinn an Sicherheit und Lebensqualität. In den vergangenen Jahren haben hier die Kriminalität und der Drogenhandel abgenommen (so hat es mir meine 90 Jahre alte Nachbarin aus Barbados geschildert) und zahlreiche kleine Geschäfte, Cafés und Restaurants eröffnet, die nicht von kommerziellen Ketten, sondern Privatpersonen geführt werden. Das hat die Lebensqualität für alle in der Nachbarschaft verbessert. Über Gentrifizierung kann man sich eigentlich nur beklagen, wenn man in einer sicheren Gegend wohnt, die sich negativ zu verändern droht, aber nicht, wenn man nachts regelmäßig von Pistolenschüssen aufgeweckt wird. Problematisch ist der unaufhaltsame Anstieg der Preise allerdings schon, und irgendwann wird diese Stadt durch den Wegzug der Nicht-Milliardäre todlangweilig sein.

Worauf freust du dich in den nächsten Wochen am meisten?

Zwischen meinen Vollzeitjob an der Hochschule und meinem Buchprojekt so viel Zeit wie möglich mit meiner Tochter zu verbringen und sie beim Wachsen zu beobachten.

 

Liebe Nora, vielen Dank für das Interview!

 

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